"Nur noch kurz die Welt retten"

Vielleicht kennen Sie noch den Hit von Tim Bendzko aus dem Jahr 2011? Vor lauter total wichtiger Aufgaben und Mails läuft ihm die Zeit davon, die er gescheiter in Beziehung investiert hätte.

Menschen müssen wählen, abwägen und entscheiden. Gerade das macht das Menschsein aus – und gerade das führt unweigerlich zu Schmerz und Tränen. Immer wieder entscheiden Menschen falsch.

Immanuel Kant sah diese tragische Struktur in der „ungeselligen Geselligkeit des Menschen“ begründet, quasi einer Art Trieb, die uns einerseits die Gesellschaft anderer suchen lässt, andererseits aber auch immer dazu führt, dass der eine über den andern herrscht, oder noch schlimmer, zu Gewalt und Krieg führt. Der grosse Philosoph hat das verstanden, doch die seither ausgehandelten Verträge und Dokumente, Gesetze und Regeln werden ganz offensichtlich immer wieder gebrochen.

Mehr denn je: Wir müssten nur noch kurz die Welt retten.

Individuell erfährt jeder einzelne Mensch, dass ihm dabei unweigerlich die Zeit abläuft: Was hätte er oder sie nicht gescheiter getan? Wo hätte ich die Zeit gescheiter besser genutzt?

Genau auf diese tragische Verquickung spielt die zentrale christliche Erzählung von Karfreitag bis Ostern an. Sie schildert einerseits sowohl die abgrundtiefe Bosheit der Menschen, die einen völlig Unschuldigen hinrichten und töten lassen, gerade so, wie es millionenfach in der Geschichte geschehen ist und pausenlos geschieht. Und viele schauen weg.

Aber sie schildert auch das tragische Vergeuden von Leben, Lebenszeit und die fast unerträgliche Passivität der Jünger, die Jesus so fest versprochen hatten, zu ihm zu stehen – und dann doch bloss einschlafen. Denn es heisst in den Berichten, dass nur ein einziger überhaupt den bescheidenen Versuch gemacht habe, Jesus zu retten – alle andern haben schlichtweg versagt, haben Jesus verleugnet oder ihn geradewegs selbst verraten. Die entscheidenden Täter sind in den eigenen Reihen zu suchen.

Der entscheidende Punkt darin: Der von den neutestamentlichen Evangelien erzählte Tod von Jesus von Nazareth unterscheidet sich gerade überhaupt nicht vom Tod aller anderen Unschuldigen, Männer, Frauen, Kinder rund um den Globus und zu jeder Zeit.

Der Sohn Gottes stirbt am Kreuz gerade nicht anders, sondern gleich wie jeder einzelne Mensch auf der Welt, wie die unzähligen Sklaven an den römischen Kreuzen, wie die Verbrecher oder auch die Freiheitshelden.

Freilich mit dem Unterschied, dass von Jesus von Nazareth dann am dritten Tag die Auferstehung von den Toten berichtet wurde. Erlebt und berichtet von den Frauen, die als einzige auch unter dem Kreuz nicht von ihm gewichen sind. Der absolut normale Tod verbindet sich hier mit dem absolut Einzigartigen.

Daraus schöpfen die Berichte und Briefe im Neuen Testament den Trost, der wiederum allen Menschen gelten soll: Nach dem Apostel Paulus folgt daraus der Trost für alle, die daran glauben. Und schon in den Ostergeschichten ist pikanterweise vom völligen Versagen der Jünger nicht mehr die Rede: Ihnen, die völlig versagt haben, erscheint der Auferstandene an Ostern, sie werden von Mittätern zu Zeugen.

Jesus sinnt gerade nicht auf Rache und Strafe, sondern sucht die Gemeinschaft derer wieder auf, die ihn wenige Tage zuvor aus verständlichen, aber niederen Gründen gerade allein gelassen haben.

Diese Haltung wurde zum Zeichen. Sie kann vielleicht wirklich die Welt retten. Und sie ist das Geschenk von Karfreitag und Ostern an die Welt.

Michael Baumann,
Reformierter Pfarrer in Wiesendangen

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